Sorgen

Mach dir richtig Sorgen – Fachstimme

Ich bin Seelsorger. Da steckt die Sorge in der Berufsbezeichnung. Wenn die Sorge nur etwas Negatives wäre, hätte ich einen üblen Beruf und müsste mir ernsthaft Sorgen machen, ob ich so weiterarbeiten möchte. Das wären dann Berufssorgen, die durchaus verbreitet und manchmal auch Thema in meinen Beratungsgesprächen sind. In diesen Gesprächen tauchen noch viele andere Sorgen auf: Studiensorgen – Ist das Studienfach das richtige für mich? Sorgen mit der Liebe – Passt das mit dem/der Freund*in? Und wenn nicht: wie gehe ich damit um? Sorgen mit den Eltern – Lieb hab´ ich sie (irgendwie), unmöglich sind sie auch (manchmal), wie also grenze ich mich ab? Natürlich auch die Sorge um mich selbst – Wer bin ich? Was will ich nicht? Wem bin ich wichtig?

Für mich ist die Sorge in erster Linie ein Ausdruck von Beziehung. Das wird u.a. in Ausdrücken wie Sorgfalt oder Fürsorge deutlich und steckt auch in Begriffen wie Sorgerecht und Fürsorgepflicht, die sich beide aus der Beziehung von Erziehungsberechtigten gegenüber ihren Kindern ableiten. Es gilt die Kurzformel: ohne Beziehung keine Sorge und keine Beziehung ohne Sorge. Sich um jemanden oder etwas zu sorgen, auch um mich selbst, ist Ausdruck von Beziehung. Weil hinter jeder Sorge eine Beziehung steckt, ist Sorglosigkeit nicht erstrebenswert. Es würde bedeuten beziehungslos zu sein und das kann und will niemand auf Dauer. Als Mensch bin ich ein Beziehungswesen. Ich stecke in vielen Zusammenhängen, in denen für mich gesorgt wird, und in denen ich umgekehrt für andere sorge. Wenn mich also Sorgen plagen oder niederdrücken, dann ist das erstmal ein Zeichen, dass da eine Beziehung ist und dass mir jemand oder etwas auf eine bestimmte Art und Weise wichtig ist.

Immerhin schreibt mir die Alltagssprache in Bezug auf Sorgen von vornherein die Rolle des Gestalters zu: im Unterschied zu Trauer und Angst, die eher auf mich zukommen, mache ich mir Sorgen. Und dann kann ich mich fragen: Wie kann ich in dieser oder jener Situation gut für die betreffende Person (auch wenn ich das selbst bin) oder Sache sorgen? Wer kann mich gerade am besten dabei unterstützen? Mit wem kann ich meine Sorgen teilen?

Die Gestaltungskraft der Sorge erlebe ich bei vielen Student*innen, die sich angesichts gesellschaftlicher Veränderungen und klimatischer Bedrohungen ernsthafte Sorgen um die Zukunft machen. Diese Sorgen sind berechtigt und machen unruhig, wütend oder traurig. Dabei gestalten die Student*innen ihre Zukunftssorgen oft auf beeindruckende Weise und werden aktiv: bei Demonstrationen gegen rechte Ideologien und Protestaktionen für notwendigen Klimaschutz; bei der Art, wie sie ihren Konsum reduzieren und Mobilität nachhaltig vorantreiben; und noch auf vielen anderen kreativen Wegen. Das Teilen und daraus folgend das gemeinschaftliche Handeln sind ein guter und angemessener Umgang mit diesen Zukunftssorgen. Sie geben ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und eröffnen die Möglichkeit, dass sich wirklich etwas in eine gute Richtung entwickelt.

Das Problem ist also nicht, dass ich mir Sorgen mache, sondern eher wie und welche Sorgen ich mir mache. Das Maß des Sorgens und der Sorge angemessen zu gestalten, ist die Herausforderung. Dabei ist es wichtig, dass ich meinen Teil beitrage. Es ist gut, wenn ich aktiv mit meinen Sorgen umgehe und tatsächlich Sorge für das trage, was mir anvertraut ist. Doch am Ende muss mir klar sein: egal wie sehr ich mich sorge, ich kann nicht erzwingen, dass sich Menschen und Dinge genauso entwickeln, wie ich mir das vorstelle.

Ralf Nico Körber Hochschulseelsorger

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